Neubebauung Altstadt − Aphorismen

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Die Mauer
Stadtbesuch mit der Großmutter. Einkäufe, Besuche, zuletzt: eine Brezel vom Brezelbub und ein Stück Fleischwurst an der Schirn. Zum Abschluß durch eine Gasse hinunter zum Main.
Die Rede vom Krönungsweg läßt vergessen, daß die Verbindung von der Braubachstraße zum Main die wichtigere und besonders reizvolle Richtung bedeutete und das Wesen des Viertels stark aus der Nähe zum Fluß lebte. Heute teilt es da eine Trennmauer in zwei Hälften: die neue Schirn.
Eine Illusion, das Altstadtviertel in der alten Atmosphäre wieder auferstehen zu lassen. Planungen in Nord-Süd-Richtung enden als Sackgasse. Öffnungen im Erdgeschoßbereich der Schirn könnten helfen, allerdings ohne Sichtachsen zum Main.

Die Nutzung
... sollte eigentlich vor allen anderen überlegungen stehen: die gewünschten kleinteiligen Haustypen haben kleine Flächen und sind nur für wenige Nutzungen geeignet, selbst wenn freitragende Geschosse mit durchgehenden Hartböden Grundrisseinteilungen im Trockenbau erhalten, die leicht zu verändern sind.
Erstaunlich, daß trotz aller Beschränkungen die Nutzung − zumindest öffentlich − nachrangig diskutiert wird. Die Architektur-Diskussion wäre sonst einfacher.
Obergeschosse für Wohnungen mit Balkonen und Terrassen − will man das? Und wer wohnt da? Die Ladenbesitzer? Familien? Singles?
Jeder Fremde besucht den Römerberg. Ein Informationsbedarf ohne Ende. Kultur in allen Variationen, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Verkehr − alles könnte dort nachgefragt und beantwortet werden. Nicht nur für Frankfurt, auch für die Region.
Und: ein Drittel der Frankfurter kommen aus dem Ausland. Multikulturelle Spezialitätenlokale würden die internationale Stellung von Frankfurt bewußt machen.
Oder: die Kunstszene Braubachstraße erweitert sich und findet Anschluß an Schirn und Steinernes Haus.

Der Bühnen-Hintergrund
Nach dem Abriß des technischen Rathauses wird es noch deutlicher werden: die Vorgabe der Schirn. Auf Computerdarstellungen sieht man heute bereits: in allen Durchblicken nach Süden ist der Baukörper der Schirn zu erkennen, inzwischen bereits unwiderruflich gedanklich angeknabbert. Falls nicht Maßvorgaben, Strukturen und Materialien der Schirn in die neue Bebauung einfließen, spielen Spielzeughäuschen vor einem gewaltigen Bühnenhintergrund Märchenhaus-Theater.

Reproduktionen
"... man mag auch ein gotisches Zimmer haben, so wie ich es ganz hübsch finde, daß Madame Panckoucke in Paris ein chinesisches hat. Allein, sein Wohnzimmer mit so fremder und veralteter Umgebung auszustaffieren, kann ich gar nicht loben . Es ist immer eine Art Maskerade, die ... auf den Menschen, der sich damit befaßt, einen nachteiligen Einfluß haben muß. Denn so etwas steht im Widerspruch mit dem lebendigen Tage ... "
Johann Wolfgang von Goethe

Der Faust darf aber noch aufgeführt werden. Architektur auch?

Die Kunst folgt dem Brote
In Italien und in Holland entstehen zur Zeit komplette Stadtviertel und Kleinstädte samt öffentlichem Raum in historisierendem Stil. Sie werden gebaut, weil sie sich gut verkaufen lassen. Wer hat das zu verantworten: der Bau-Investor oder der Käufer? Der eine baut so, weil er damit Geld verdienen kann und der andere kauft, weil er Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme und nach einer emotionalen Sicherheit hat, die er darin zu finden wähnt.
Und wer lehrt, was "gute" und "schlechte" Architektur ist? Die Schule? Die Medien? Wer besucht Architektur-Ausstellungen?
Wer die Altstadt kommerziell nutzen will, sagt das ehrlich: "in historischen Gebäuden wird mehr verkauft". Eine historisierende Altstadt würde sicherlich alle in- und ausländischen Besucher in Entzücken versetzen und die Besucherzahlen in Frankfurt samt allen Auswirkungen hochschnellen lassen.
Könnte sie als Verkaufskulisse aber nicht genau so gut oder besser an beliebiger und weniger geschichtsträchtiger Stelle stehen, mit Erweiterungs-Möglichkeiten und Parkflächen?

Zeit
Der Lebenszyklus Frankfurter Bauten an exponierter Stelle liegt heute bei 4o Jahren und sinkt weiter. Es ist gut möglich, daß die Altstadtbebauung bereits in 20 Jahren wieder in Frage gestellt wird. Warum sollte ein Stadtviertel nicht mit den gleichen wirtschaftlichen Interessen konfrontiert werden wie ein Hochhaus mit noch höheren Entstehungskosten?
Oder, noch wahrscheinlicher: es fehlt einfach bisher der richtige Entwurf. Die Ulmer haben zum Glück fast 100 Jahre auf Richard Meier gewartet, mehrere Wettbewerbsergebnisse in dieser langen Zeit verworfen, jetzt ist der Münsterplatz vollkommen.
Selbst wenn in Frankfurt ohne weitere überlegung überhastet gebaut würde, die Suche nach dem richtigen Entwurf sollte fortgesetzt werden.
Was ist schon Zeit?