Ende der Einrichtungs-Kultur?

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Knapp ein Jahrhundert nach der Gründung der Deutschen Werkstätten, von Werkbund, WK-Wohnen, Bauhaus und nach einem unvergleichlichen Aufbruch in eine neue Einrichtungs-Kultur erscheinen Riesen-Anzeigen und Prospekte, in denen anstelle des Animationsgutes Wohnen nur noch Markenlabels und Prozentzahlen genannt werden, angereichert mit Imbiss-Angeboten.
Das Ende der deutschen  Wohnkultur?

Für die Initiatoren gab es im Anfang des 20. Jahrhunderts zwei Ziele: einmal der Entwurf und die Herstellung gut gestalteter Produkte, zum zweiten das Interesse wecken und die Erziehung zum Neuen Wohnen?
Es entstanden mittelständische Einrichtungshäuser, deren Inhaber erfüllt waren von der Aufgabe, den Kunden nicht nur die besten Möglichkeiten für Ihre Wohnungseinrichtung zu bieten, sondern auch mit ihnen ganzheitlich zu planen und für eine anständige handwerkliche Ausführung zu sorgen. Die Inhaber waren oft Architekten, später auch Innenarchitekten bis in die heutige Zeit.

Was hat sich geändert?

Das erste Ziel ist erreicht: noch nie gab es in allen Preislagen so viele gut gestaltete Einrichtungsgegenstände und Ausstattungs- Materialien.
Allerdings sind viele Produkte veraltet, für viele Funktionen fehlen zeitgemäße Entwürfe.

Die Schnittstelle zum Kunden ist jedoch besonders problematisch geworden. Einmal hat sich die Kundenstruktur erheblich verändert, es gibt immer weniger Menschen, die ein komplettes Haus oder eine Wohnung auf lange Zeit hin einrichten.Vielmehr ist Flexibilität gefragt mit allen Auswirkungen auf das Wohnen. Technik wird nicht mehr versteckt, sondern ist eher dominant.

Aber auch die Angebotsseite hat sich verändert. Anstelle auf Beratung haben die Hauptanbieter auf große Flächen mit einer Riesen-Auswahl gesetzt.
Der Durchschnitts-Möbelkäufer, der im einfachsten Kaufhaus einen Sakko ersteht, kann mit dem Rat einer Verkäuferin rechnen und zudem ohne Begründung das gute Stück acht Tage später wieder zuräckbringen. Er kann ein Auto vor dem Kauf tagelang Probe fahren.
Wenn er aber alle 10 Jahre die ihm weitgehend unbekannte Möbelwelt betritt, ahnungslos, welche Produkte für seine Bedürfnisse und seine Raum-
gestaltungsmöglichkeiten die besten Lösungen bieten, unsicher in der Beurteilung von Proportionen, Qualität, Material- und Farb-Zusammenstellungen, oft uneinig in der Familie, wenn dieser Kunde also ohne professionelle Ansprache durch Tausende von Quadratmetern voller Möbel irrt, die oft nicht einmal Wohn-Beispiele enthalten, steht er letzten Endes vor der Entscheidung, wieder die übliche Schrankwand und Sofa-Garnitur zu kaufen, die er ganz ähnlich zu Hause stehen hat, denn der Formenkanon hat sich seit zwei Jahrzehnten kaum verändert. Oder aber er resigniert und schiebt die Anschaffung auf, denn er weiß auch: was er bestellt, muss er gnadenlos abnehmen, auch wenn er sich noch so grandios geirrt hat. Und jetzt soll er noch analysieren, für welche ihm unbekannte Marke es wo und wie viel Prozente gibt.
Mit diesem Marketing kann die Möbelwirtschaft mit Sicherheit keine Umsatz-Steigerungen erzielen. Eine Ausnahme: Ikea. Beispielsweise sind im neuen Ikea-Haus in Ancona drei unterschiedlich große Wohnungen nachgestellt und werden immer wieder verschieden und sehr kreativ möbliert.
Leider hat die Dominanz der großen Flächen-Anbieter zu viele Menschen vergessen lassen, dass es immer noch die beratenden mittelständischen Häuser gibt. Vielleicht kosten die Produkte dort etwas mehr, aber die innenarchitektonische Beratung sorgt dafür, dass wesentlich weniger gekauft und die Nutzungsdauer um das Vielfache gesteigert wird.
Fehlende Kundenfrequenz, die Auswirkungen des betrügerischen Rabattangebotes und dadurch entstehender Kapital- und Nachwuchsmangel lassen aber diese Häuser immer weniger werden.

Kein Zweifel, die Einrichtungskultur befindet sich in einer großen Krise.
Und eine Krise entsteht bekanntlich durch das gleichzeitige Auftreten mehrerer Ursachen.

Wie könnte eine bessere Zukunft aussehen?

Kunden-Beratung.
Die Knappheit der vorhandenen Mittel verstärkt das Bedürfnis, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Dieser Aufgabe muss sich der Handel stellen.
Es geht um eine Beratung, die die über die Information zum Produkt hinausgeht und immer den Gesamtraum im Blick hat:
Bedarfsanalyse, Grundrissplanung, Unterstützung bei der Material- und Farbwahl. Oft genügt es, Mut zu machen für ein weniger konventionelles Wohnen.
Die Menschen wollen im Grunde auch nicht ein neues Möbelstück zu erwerben, sondern sie möchten damit eine harmonische Wohnsituation schaffen.

Für Großanbieter könnte das heißen: realistische Wohnbeispiele schaffen, Sonderausstellungen gestalten, Raumgestalter ausbilden, mit freien Innenarchitekten zusammenarbeiten (gegen Honorierung vom Kunden)

Für mittelständische Häuser: innenarchitektonische Beratung verstärken, ausdehnen auf Bad etc. (Küche sowieso) und im Sinne ganzheitlicher Einrichtung handwerkliche Arbeiten organisieren, schlüsselfertig einrichten.
Vor allem aber, Fabrikanten in der Ausstellung keine Präsentations-Flächen einräumen, sondern eine eigene, ganz persönliche und unverwechselbare Kollektion zusammenstellen.
Das Haus noch mehr öffnen für freie Innenarchitekten und Raumgestalter.

Zukünftig könnte es Ketten kleiner Einrichtungshäuser auf Franchise-Basis geben mit einer einheitlichen, von einem profilierten Könner gestalteten Kollektion. Oder es könnten Show -Rooms entstehen, ähnlich wie in Amerika, in denen Innenarchitekten ihre Klienten beraten, von der Fliese bis zur Tapete und bis zu allen erdenklichen Einrichtungsgegenständen, oder Show-Rooms von einzelnen Herstellern. Schließlich gibt es ein Heer guter junger Innenarchitekten, die auf diese Möglichkeiten warten.

Neues Möbel-Design
Es ist an der Zeit, über eingefahrene Wohntypen und Modellkosmetik hinaus zu denken und neue Funktions-Lösungen zu suchen. Es fehlen Produkte, die ein neues, offenes Wohngefühl ermöglichen, die durchaus Status-Symbole sein können, aber für ein bewegliches Leben gemacht sind.

Für eine Elite mit Wohnungen über 250 Quadratmetern ist gesorgt, vor allem aus Italien, aber auch von preisgekrönten deutschen Entwerfern.

Aber wer hat eine Vorstellung vom Wohnen außerhalb der Schrankwand und der viel zu großen Sofagarnitur und entwirft Möbel (und findet Hersteller!) unter der Prämisse, dass sie auch für die üblichen Grundrisse von 80, 90, 120 qm geeignet sind?
Wann werden endlich Wohnungen gebaut, deren Grundrisse von den Mietern im Trockenbau gestaltet und wieder verändert werden können?
Welche Hochschule wird sich wieder stärker auf Innenarchitektur und Design für privates Wohnen besinnen?
Wann werden mehr Gegenstände prämiiert und in den Medien besprochen, die für den Normalverbraucher geeignet sind?
Wieso entschließt sich die Möbel-Messe in Köln nicht dazu, auch einmal ein realistisches, weil vorbildhaftes und nachhaltiges "Ideal-Haus"zu gestalten?

Eigentlich ist es ganz einfach: man braucht sich nur umzuhören, sich in die Menschen und ihre Bedürfnisse hinein zu versetzen und dann das Richtige tun. Aber dazu muss man natürlich eine Menge gut Gewohntes und die vielen alten, vielleicht in der Vergangenheit erfolgreichen Rezepte in Frage stellen.
Wer es kann, hat mit Sicherheit guten Erfolg und ist eine neue Hoffnung für das, was so antiquiert Wohnkultur heißt.

Wilhelm Hein Krahn